Begleitung

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Der Mensch ist ein sich entwickelndes Wesen. Ziel dieser Entwicklung ist das Menschsein, das jeder Mensch mit seinem individuellen Leben anstrebt - mit offenem Ausgang. Entwicklung ist dabei mehr als ein bloßer Adaptionsvorgang an die Umweltbedingungen, vielmehr wirken im Menschen Lebensentwürfe, Sehnsüchte, Ideale - er nähert sich ihnen an oder verfehlt sie. Mit der Erreichung von Zielen entstehen neue oder das einstmals Erreichte besteht nicht mehr vor dem selbstkritischen Urteil. Dabei ist es das Ich des Menschen, das durch alle sich wandelnden Lebensumstände, körperliche Bedingungen und seelische Verfassungen hindurch sich selbst sucht und sein ureigenstes Menschentum zu erringen trachtet. Diese Entwicklung steht in engster Wechselbeziehung mit anderen Menschen.

Körperliche und soziale Bedingungen der menschlichen Entwicklung

Die Willensintentionen des Menschen bestimmen sein Leben. Diesen Intentionen stehen soziale, geographische, wirtschaftliche, politische, zeitgeschichtliche Faktoren gegenüber. Sie wirken auf die Intentionen fördernd oder hemmend. Auch die Bedingungen der eigenen Leiblichkeit werden als Ressourcen oder als Behinderung erlebt. Der Ursprung der Intentionen ist das Ich. Das Ich verhält sich gegenüber den aus der Leiblichkeit aufsteigenden Trieben und gegenüber den, durch die Umwelt konditionierten Motiven und Handlungsmustern, in der gleichen Weise wie gegenüber Leib und Umwelt selbst. Zunächst identifiziert sich das Ich mit Leib und Umwelt und den aus ihnen entstammenden Zumutungen, bevor es diese Bedingungen selbst zum Gegenstand der Bearbeitung macht. Das eigene Leben und seine Bedingungen erscheinen so als Lebensaufgabe. Indem sich das Ich als Willenswesen erkennt ist es eins mit der Lebensaufgabe. Das Ich ist sich selbst aufgegeben. Damit werden die Lebensbedingungen als Teil der Lebensaufgabe, Teil des Ich. Das sich selbst aufgegebene Ich als Willenswesen will die eigenen Bedingtheit als Ort der Entwicklung.

Krankheit in der Biographie

Krankheit oder Behinderung erscheinen zunächst wie Hemmnisse bei der Verwirklichung individueller Lebensziele. In der Tat wird in der Krankheit die Abhängigkeit von den eigenen leiblichen Bedingungen und dem sozialen Umfeld deutlich. In ihrer Überwindung kann ein neues Maß an Freiheit gewonnen werden bei gleichzeitiger Wertschätzung der sozialen und leiblichen Grundlagen dieser Freiheit. Verbitterung bedeutet ein Fortbestehen der Krankheit, selbst wenn keine leiblichen Symptome mehr vorhanden sind. Ungeheilte Krankheiten werden in ihrer Frucht oftmals erst nach dem Tod, wenn die Störung durch den Leib entfällt, erlebbar. Die Kontinuität der Ich-Wesenheit gewährleistet die Früchte eines langen Leidens, gerade wenn im Leben kein Bewusstsein für die krankheitsinduzierten Entwicklungen möglich war.

Entwicklungsschritte in der Biographie

Die leibliche und seelische Entwicklung des Menschen verläuft nach bestimmten Rhythmen. Dabei ist der Siebenjahres- Rhythmus der bedeutsamste. Diese Rhythmen sind fließend und nicht immer eindeutig gegeneinander abgrenzbar. Manches bereitet sich schon früh vor und ruht lange Zeit, bis es wirksam wird. Anderes tritt tumultarisch auf den Lebensplan. Im Besonderen ab dem 4. Lebensjahrsiebt werden die rhythmisch aus der leiblich-seelischen Entwicklung bewirkten Veränderungen stärker unter dem Einfluss individueller Gestaltung stehen.

1. Jahrsiebt

Die erste Lebensphase steht unter der Aufgabe des Wachstums und der Organreifung. Bis zum Zahnwechsel wird die gesamte Leiblichkeit veranlagt. Die Lebenskräfte sind in Wachstum und Aufbau tätig. Mit dem beginnenden Zahnwechsel erwachen intellektuelle Fähigkeiten, die nun mit der Einschulung eine behutsame und stetige Förderung erhalten sollen. Intellektuelle Früherziehung missbraucht jene Kräfte, die für die Organbildung benötigt werden. Das Kind ist überwiegend ein Kopf- und Sinneswesen. Es lernt durch Nachahmung und orientiert sich an Vorbildern.

2. Jahrsiebt

Mit der Schulreife entwickelt sich die Erinnerungsfähigkeit als Voraussetzung für das logisch-intellektuelle Denken. Die Rhythmisierung von Herz und Atmungstätigkeit fällt in diesen Zeitraum. Erst jetzt wird das Atem-Pulsverhältnis von 1:4 erreicht, das während des gesamten Lebens beim ruhenden Gesunden fortbesteht.

3. Jahrsiebt

Im dritten Jahrsiebt beginnt die Geschlechtsreife, verbunden mit einem auffälligen Wachstumsschub der Gliedmaßen. Eigenständiges Urteilsvermögen wird geübt, das eigene Seelenleben wird als wesentlich erkannt. Autoritäten werden auf ihre Authentizität geprüft.

4. Jahrsiebt

Mit dem 21. Lebensjahr sind die leiblich- seelischen Voraussetzungen für die vollständige Mündigkeit erreicht. Berufsausbildung und Familiengründungen bestimmen diese Zeit der „Wanderjahre“, in denen viele Bereiche des Lebens erprobt werden.

5. - 8 Jahrsiebt

Vom 28.- 63. Lebensjahr erstreckt sich die Hauptwirksamkeit im Arbeitsleben. Ab der Lebensmitte beginnen leibliche Abbauprozesse zu überwiegen. Lebenskrisen im Sinne der Selbstfindung und der Auseinandersetzung mit Lebensbedingungen- und Lebensaufgaben kennzeichnen den Weg.

9. Jahrsiebt und Alter

Mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben wandeln sich die sozialen Aufgaben. Übersicht, Rücksicht, Gelassenheit und Vorschau auf das Kommende prägen den durch Verlangsamung und Ruhe gekennzeichneten letzten Lebensabschnitt.

Konsequenzen für die Pflege

Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit spielen vor dem Hintergrund leiblicher, seelischer und geistiger Entwicklungen. Nur unter Berücksichtigung der entsprechenden Entwicklungsphasen sind angemessene, individualisierte Pflegehandlungen möglich. Entscheidend ist die Annahme, dass Krankheiten, Unfälle, Krisen, etc. zum Wesen des Menschen allgemein und zum konkreten Pflegebedürftigen im Besonderen gehören. Hierin liegt keinerlei moralische Schuldzuweisung, sondern die Möglichkeit den Pflegebedürftigen als Akteur in seiner Biographie zu verstehen und durch die Pflege unmittelbar an einem Wandlungsgeschehen teilzuhaben. Leiden zu lindern, Hindernisse zu beseitigen, Erfahrungen wachzurufen, Konflikte auszuhalten sind die Aufgaben, die sich dem Pflegenden als einem sich ebenfalls in seiner Biographie entwickelndem Wesen stellen, oder aber andere. Die Berücksichtigung der durch die Jahrsiebte gegebenen Entwicklungsphasen hat konkrete Auswirkungen auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Anthroposophische Kinderheilkunde verbindet deshalb pädagogisches und medizinisches Wissen zu einer Einheit.

Auch in der ärztlichen, pflegerischen oder seelsorgerischen Begleitung erarbeitet der Patient Lebensmotive und Zielperspektiven vor dem Hintergrund eines Verständnisses der Entwicklungsgesetze der menschlichen Biographie. Anthroposophische Biographiearbeit sucht dabei weniger nach den vergangenen Ursachen einer Erkrankung. Vielmehr sucht sie aus dem Verständnis des Vergangenen Erhellungen für den weiteren Lebensweg. Im weitesten Sinn kann aus einer solchen Biographiearbeit ein Verständnis für das Karma erwachsen.

© 2009 Rolf Heine www.vfap.de

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