Das anthroposophische Menschenbild

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Pflege bezieht sich immer auf ein bestimmtes Verständnis vom Menschen und seinem Verhältnis zur Natur, Kultur und Gesellschaft. Dieses Menschenbild hat weitreichende Folgen für die Pflegepraxis und die Berufsethik. Das anthroposophische Menschenbild gründet nicht auf Glaubenswahrheiten, es hat vielmehr den Anspruch rational begründbar und verstehbar zu sein. Dies gilt auch für die Bereiche, die dem engeren naturwissenschaftlichen Verständniszusammenhang zunächst als prinzipiell nicht erkennbar gelten, wie z.B. der Bereich der nachtodlichen Existenz.

 

Die vier Wesensglieder des Menschen

Der Physische Leib

Wenn man den Menschen mit physikalischen und chemischen Methoden untersucht, gelangt man zu einer detaillierten stofflichen Analyse seines Körpers. Dabei erweisen sich anatomische Gestaltmerkmale sowie bestimmte stoffliche Quantitäten als typisch für den lebenden und gesunden, andere für den kranken oder toten Organismus. Der auf diese Weise beschriebene Körper wird in der anthroposophischen Geisteswissenschaft als der Physische Leib bezeichnet. Er zerfällt sobald der Tod eintritt in seine stofflichen Bestandteile, die der mineralischen Welt angehören. Durch den Physischen Leib erhält der Mensch eine räumliche Struktur.

Die Lebensorganisation oder der Ätherleib

Das Leben ist im menschlichen Körper nicht auf die gleiche Weise zu finden wie das Gehirn oder das Blut oder Enzyme. Man entdeckt das Leben nur, indem man auf Tätigkeiten und Prozesse innerhalb eines Organismus blickt. Die einfachsten Erscheinungen des Lebens sind Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung. In lebende Organismen können unbelebte Stoffe aufgenommen und integriert werden, ebenso können unbelebte Stoffe ausgeschieden werden. Tote Gebilde können jedoch keine lebenden aus sich hervorbringen. Leben ist demnach eine dem Mineralischen übergeordnete Qualität. Sie gibt der Stoffwelt im lebenden Organismus eine eigene, unverwechselbare Gestalt. Stirbt der Organismus, zerfallen die in ihm integrierten Stoffe. Der einen lebenden Organismus erhaltende und sich fortpflanzende Kräftezusammenhang wird in der anthroposophischen Terminologie als Lebensleib oder Ätherleib bezeichnet. Außer dem Menschen verfügen Pflanzen und Tiere über einen Ätherleib. Lebensvorgänge entfalten sich in rhythmischen Zeitstrukturen.

Die Seele oder der Astralleib

Empfindungen kann man zunächst am Menschen oder am Tier als Reaktion auf einen äußeren oder inneren Reiz beobachten. In aktiver Bewegung, Mimik und Gestik erkennen wir Freude, Schmerz, Lust, Unlust, Begierde, Zufriedenheit etc.. Wie für das Leben findet man auch für diese Empfindungen kein stoffliches Substrat, selbst wenn das Verhalten durch stoffliche Reize oder die Manipulation von Organen beeinflusst werden kann. Auch das Auftreten bestimmter Reizpotentiale im Gehirn oder das Auftreten bestimmter Hormonkonzentrationen sind nicht die Empfindung selbst, sondern nur die stofflichen Abdrücke für die Anwesenheit einer Empfindung. Anders als ein bloßer Wachstums- oder Stoffwechselvorgang ist eine Empfindung bewusst. Bewusstseinsvorgänge werden nur vom Subjekt, das sie hervorbringt, empfunden. Sie können von außen als Verhalten beschrieben, das Motiv des Verhaltens kann aber wiederum nur subjektiv mitgefühlt werden. Empfindungsvorgänge haben einen leibgebundenen Aspekt, wie der enge Zusammenhang zwischen dem Verhalten eines Tieres oder eines Menschen und der Zugehörigkeit zu seiner jeweiligen Art zeigt. Hier ist die Empfindungsorganisation eng an den Lebensleib (Ätherleib) gebunden. Im freien Anteil der Empfindungsorganisation entsteht subjektives Bewusstsein. Leibfreier und leibgebundener Anteil zusammen werden als Seele oder Astralleib bezeichnet.

Das Ich oder der geistige Wesenskern

Der Mensch definiert sich selbst durch sein Ich. Im Selbstbewusstsein erwacht er zu sich und stellt sich als Subjekt der Welt gegenüber. In vielen Situationen des Lebens hat der Mensch kein Bewusstsein von sich, z.B. im Schlaf, in der Angst, möglicherweise in der Demenz. Im Erwachen findet er jedoch sich selbst wieder als der gleiche, der er vor dem Einschlafen war. Dieses "Sich finden" ist mitunter verzweifelt und schmerzhaft, oft gelingt es nicht. Aber gerade die Suche nach Identität mit sich zeigt die Anwesenheit des tätigen Ich-Wesens. Dieses Ich-Wesen erschafft sich eine Biographie, die das Integral der Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse, Gefühle und Taten des Subjektes ist. In der Biographie erscheint das Ich in seiner Zeitgestalt, in seinen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Niederlagen, Wandlungen und Beständigkeiten.

Wachen und Schlafen - Leben und Tod

Im Wachzustand sind die Wesensglieder Physischer Leib, Lebensleib, Seele und Ich eng miteinander verbunden. Deshalb ist uns die Unterscheidung der vier Wesensglieder im Selbsterleben nicht unmittelbar gegeben. Im Schlaf lösen sich Seele und Ich vom Physischen Leib und vom Lebensleib. Es tritt Bewusstlosigkeit ein, das Ich- Bewusstsein ist ausgelöscht, aber alle Vitalfunktionen bestehen weiter. Im Traum besteht zwar Bewusstsein, es ist jedoch nicht auf Sinneseindrücke bezogen, sondern es gewinnt seine Bilder aus Erinnerungsbausteinen, aus psychischen und leiblichen Prozessen, die in keiner unmittelbaren Beziehung zur Welt des Wachens stehen. Im Sterben trennt sich auch der Lebensleib vom Physischen Leib, so dass dieser, den Gesetzen der mineralischen Welt folgend, zerfällt. Auch der Lebensleib und die Seele lösen sich nach und nach in ihren Bereichen auf. Lediglich der Wesenskern, das Ich des Menschen, bleibt bestehen.

Das Leben nach dem Tod

Mit der Ablösung von Lebensleib, Seele und Ich vom Physischen Leib tritt der Tod ein. Lebensleib, Seele und Ich bleiben zunächst noch miteinander verbunden. Der Verstorbene erlebt nun innerhalb von etwa drei Tagen eine umfassende Zusammenschau seines gesamten Lebens. Diese Darstellung wird von der modernen Nahtodesforschung bestätigt. Nach dieser Zeit löst sich auch der Lebensleib in seiner Welt auf. Die Seele bleibt zunächst noch auf den (nicht mehr vorhandenen) Physischen Leib orientiert. Sie erwartet durch ihn die Befriedigung originär seelischer Bedürfnisse, die zu Lebzeiten auf körperliche Weise befriedigt wurden. Bedürfnisse, die durch die physische Leiblichkeit selbst bestimmt waren, entfallen selbstverständlich mit dem Ableben. Dieses mit körperlichen Mitteln nicht mehr stillbare Verlangen wird von der Seele als schmerzhaft erlebt, wie ein verzehrendes Feuer. Der alte Begriff des "Fegefeuers" hat hier seinen Ursprung. Nun erlebt der Verstorbene sein Leben in einer lang anhaltenden Rückschau. Vom Todeszeitpunkt bis zur Geburt wird das gesamte Leben rückwärts durchschritten. Dabei findet ein Perspektivwechsel statt, indem man die Wirkungen seiner Taten nun aus der Perspektive derer erlebt, die im Leben Empfänger oder Opfer dieser Handlungen gewesen waren. Im Nacherleben der Wirkungen der eigenen Handlungen entsteht der Wunsch nach einem Ausgleich der verursachten Schädigungen.

Nachdem sich auch die Seele in ihrem Bereich aufgelöst hat, existiert allein das Ich mit der Essenz der durch die bereits abgelegten Wesensglieder gemachten Erfahrungen. Nur Wesentliches hat noch Bestand. Das Ich entwickelt sich nun in der geistigen Welt und nimmt die Impulse und Ziele der Weltentwicklung in sich auf, bevor es sich anschickt sich wiederum einen Leib aufzubauen und sich erneut zu verkörpern.

 

Reinkarnation und Karma

Jeder Mensch bringt bei der Geburt Eigenschaften mit auf die Welt, die weder allein aus der Vererbung noch aus der Umwelt stammen. Diese mitgebrachten Eigenschaften - Schwächen und Fähigkeiten, Motive und Lebensentwürfe kommen mit dem Ich in die Welt. Hier entfalten und entwickeln sie sich im Kontext zum vererbten Leib und der Umwelt. Das Ich schöpft seine Kräfte aus einem zurückliegenden menschlichen Erdenleben. Von dort bringt es seine individuellen Eigenschaften mit. Der Mensch durchschreitet verschiedene Inkarnationen, um sich in der jeweiligen Kulturepoche zu vervollkommnen. Die Entwicklungsziele liegen in den großen Idealen menschlicher Kultur, in der Ausbildung von Weisheit und Liebesfähigkeit. Der menschliche Entwicklungsweg geht durch Hemmnisse und Widerstände, durch Schuld und Versöhnung. Diese Widerstände werden gemeinhin als das Böse bezeichnet. An ihnen findet der Mensch zu sich selbst und zur Freiheit in der Verantwortung für die Schöpfung. Neben den Widerständen und Hemmnissen führt eine weitere Kraft die menschliche Entwicklung voran. Diese Kraft ist das Karma, durch das jeder Mensch die für seinen individuellen Entwicklungsweg notwendigen Voraussetzungen bereitet. Karma ist die "Gnade", den individuellen Entwicklungsweg selbstverantwortlich gestalten zu können. Karma führt Menschen zusammen, die einen gemeinsamen Weg zu gehen haben. Karma bildet Krankheiten und Lebenskonstellationen. Schicksalsschläge sind in diesem Sinne nicht Rache für Verfehlungen in der Vergangenheit, sondern Gelegenheiten, Kräfte der Weisheit und der Liebe für die Zukunft auszubilden.

© 2009 Rolf Heine www.vfap.de

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