Zur Geschichte der anthroposophischen Pflegebewegung

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Seit der Begründung des „Klinisch therapeutischen Institutes“ im Jahre 1921 in Arlesheim durch die Ärztin Dr. Ita Wegman entwickelt sich auch der pflegerische Impuls innerhalb der anthroposophisch medizinischen Bewegung. Rudolf Steiner war durch Krankenschwestern, die Mitglieder der Freien Hochschule waren, um einen Kurs für Pflegende gebeten worden. Vermittelt durch Ita Wegman sollte dieser Kurs im Mai 1925 gehalten werden. Er kam durch den Tod Rudolf Steiners nicht zustande. Die Anregungen für den Pflegeberuf, die direkt auf Rudolf Steiner zurückgehen, beschränken sich deshalb auf wenige, zum Teil unscharf überlieferte Äußerungen.

In Folge dieser Überlieferungen haben sich im wesentlichen drei Themengebiete über die letzten Jahrzehnte behauptet: die Frage nach dem Wesen und den Ursachen der Launen, die Beschäftigung mit dem Tierkreis und den Planeten sowie die vier Elemente im Zusammenhang mit der Weltentwicklung.

Zurückgehend auf die intensive Arbeit der Arlesheimer Schwestern mit Ita Wegman, die regelmäßig Kurse und persönliche Anleitungen für Schwestern gegeben hatte, entstand eine reiche, aus der Anthroposophie inspirierte Pflegepraxis. Im besonderen äußere Anwendungen wie Bäder, Waschungen, Wickel, Kompressen oder Einreibungen wurden, zum Teil durch Rudolf Steiner angeregt, bis in die Einzelheiten der Durchführung von Ita Wegman an die Schwestern vermittelt. Die aus geisteswissenschaftlicher Sicht gestellten Indikationen wurden in größter Sorgfalt im Detail ausgeführt. Aus heutiger Perspektive erscheint dies nur vorstellbar, wenn man sich das enorme Vertrauen der damaligen Pflegenden in die Ärzte und in die, in den Heilmitteln verborgenen naturgeistigen Zusammenhänge vor Augen führt. Innerhalb der äußeren Anwendungen haben die rhythmischen Einreibungen, im besonderen die Organeinreibungen eine Sonderstellung. Ita Wegman als ausgebildete Masseurin hatte diese Behandlungsform entwickelt und an Ärzte und Schwestern weitergegeben. Für Pflegende sind sie bis heute ein wichtiges pflegerisches Instrument und ein persönliches Schulungselement. Der noch von Ita Wegman eingerichtete Fortbildungskurs für Krankenschwestern ist der Ursprung der heute an vielen Kliniken stattfindenden berufsbegleitenden Grundkurse für Anthroposophische Pflege.

Konstitutiv für einen durch Anthroposophie erweiterten Beruf ist die Pflege einer beruflichen Esoterik. Krankenpflege steht hier in der jahrhundertealten christlichen Tradition. Der Dienst am Menschen wurde als unmittelbarer Dienst am Christus erlebt („...Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“) Neben den „Werken der Barmherzigkeit“ stand das Gleichnis vom Samariter im Mittelpunkt der beruflichen Esoterik der Krankenpflege. Über Jahrhunderte hinweg war sie, sofern sie nicht im häuslichen oder nachbarschaftlichen Bereich erfolgte, eng an die Konfessionen gebunden. Da sich Krankenpflege im 20. Jahrhundert in größter Nähe zur naturwissenschaftlich orientierten Praxis der Medizin entwickeln würde, empfahl Rudolf Steiner die Integration der anthroposophisch orientierten Schwestern innerhalb der Medizinischen Sektion als die dem heutigen Bewusstsein gemäße Form der Gemeinschaftsbildung. Ita Wegman arbeitete mit den Schwestern der Arlesheimer Klinik an geisteswissenschaftlichen Fragen und pflegte mit ihnen, die von Rudolf Steiner gegebenen Meditationen und Mantren. Kern der esoterischen Arbeit bildet noch heute die „Schwesternmeditation“ und die bereits 1914 von Rudolf Steiner gegebenen Mantren aus den vor Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vorträgen des sog. „Samariterkurses“.

Einen wichtigen Aufschwung nahm die anthroposophisch-pflegerische Bewegung mit der Gründung der anthroposophischen Kliniken in den 70ger Jahren in Deutschland. Der Impuls dieser Gründungen, sich direkt in den Strom der modernen naturwissenschaftlichen Medizin zu stellen und diese zu erweitern, wirkte auch in der Pflege, und einige für die damalige Zeit „revolutionäre“ Pflegeansätze gingen von ihr aus. Heute erleben äußere Anwendungen auch im klinischen Bereich wieder eine Renaissance, ganzheitliche Pflegemodelle werden als beispielhaft an anthroposophischen Pflegeeinrichtungen lokalisiert, wesentliche Anregungen für eine menschengemäße Sterbekultur werden der anthroposophischen Pflegepraxis zugeschrieben.

Anthroposophische Pflege hat sich in den letzten Jahrzehnten an zahlreichen Orten der Welt verbreitet. Im Internationalen Forum für Anthroposophische Pflege (IFAP) repräsentieren seit 2000 ca. 60 Pflegende aus allen fünf Kontinenten die Anthroposophische Pflegebewegung. Von hier aus werden alle zwei Jahre internationale Pflegetagungen und Hochschultagungen am Goetheanum organisiert und Gesichtspunkte für die Fort- und Weiterbildung der Pflege erarbeitet. In diesem Kreis sind auch Repräsentanten nationaler Berufsverbände für Anthroposophische Pflege vertreten.

© 2009 Rolf Heine www.vfap.de

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